Orpheus und Eurydike

Freitag, 17. Juni 2011
Hochschule für Musik und Tanz Köln
Konzertsaal, 19:30

Eine neue Musiktheater Interpretation
Konzept und Regie: Floria Nica
Hauptdarstellerin: Floria Nica
Live Improvisationsensemble: Ellie Fügelmann, Oxana Omeltchuk, Jens Ruland, Holger Werner

Die zentrale Frage dieses Stücks ist die Zwiespältigkeit des Künstlers. Das Stück bietet dem Zuschauer eine persönliche Interpretation, die nicht versucht, der mythologischen Handlung zu folgen. Stattdessen findet der Zuschauer in dem Stück eine aktuelle Bedeutung der Orpheus- Sage.
Offenheit in der Liebe gegenüber dem Dasein ist Orpheus‘ Macht. Zuhören und Verständnis für das Andere ziehen alles und alle zu ihm, so dass alles und alle sich für ihn öffnen. Dadurch entsteht eine Beziehung in der Gegenwart, die wir als Verzauberung erkennen. Orpheus ist abwesend von der Bühne- der Raum wird für das Publikum zu einem Forum für die Selbstwahrnehmung. Als Kontrapunkt und Kommentar zu der Tonbanderzählung von Orpheus werden Schönbergs „Pierrot Lunaire“, Antonine Artaud und Gudrun Insslin zitiert.

Eurydike ist nicht Orpheus‘ Frau, sondern die dionysische und chaotische Seite von Orpheus selbst¬- und uns allen. Eurydike ist die latente Kraft der Zerstörung und Freiheit, die Logik, Ordnung, Gesetz und Gewohnheit verachtet. Sie zerschneidet die Leinwand mit einem Messer, ihre Hände sind voll Farbe. Sie beschmutzt ihre Gesicht und ihre Kleider mit der Farbe. Sie dreht sich und tanzt wie wahnsinnig und stellt dabei verschiedene Charaktere dar: eine wütende Frau, ein Kind und eine verliebte Frau, die mit ihrem imaginären Geliebten tanzt- alle verschiedene Aspekte unserer Wahnsinnigkeit.

Das live Ensemble spiegelt als Schattenspiel die dramatische Entfaltung des Stückes wider.

Mitwirkende: Ellie Fügemann, Floria Nica, Oxana Omelchuk, Jens Ruland, Holger Werner.
Mehr Details sind auf www.florianica.com erhältlich.


                        1. Szene

Orpheus


I stood alone in the World, and while crawling in my pain and pleasures, I opened a hand, and then an eye.

There rose a tree!! O, pure transcendence! And then there rose thousands of trees and flowers and the world swelled with their presence. But no one saw this. They were all deaf and blind… and so was I... until I stretched my arm, until I opened my eyes.

I opened a space for all that is to dwell in me, I opened my ear to listen to their silence, to feel their vibrating depths; I opened my mouth to taste their sweetness and their bitterness. I grew many eyes to see and hide what I have seen. Existence made itself a bed in my ear; a roof from my palms, and it quenched its thirst from my heart.

They say I was able to do what no one has done before: to bewitch the nature, the animals, the stones and people to even compel the Gods with my song. I am telling you: I was the one who bowed down to them. I listened to their being, their cry and pain, their joys and loves. And then I sang their songs back. I put a mirror in front of them and they reflected upon it. Maybe they saw the other songs I sang, and found themselves in those as well.

To be is in fact a step in another dimension that we almost forgot. It is a leap into presence. The presence of words and objects, of beings and creatures of nature and man. We are all trapped into our structural system of cognition. Everything has a name and a function. This irreversible status that no one and nothing can escape. It seems an impossibility to step out of one’s own essence… but it is not.

I leave behind this structural system,

I am only when I sing, when I hear, when I listen.


                          2.Szene

Eurydike


Eurydike actions: Comes from behind the canvas. Scratches with the palm the canvas from behind. Slowly comes from behind it.

With the hands full of paint she runs her fingers over her face and her body in a dement way. Talks to the public and to Orpheus looking and talking to the mirror. Grabs his coat and starts dancing in ecstasy.

Stabs the canvas, with the knife Orpheus painted. She collapses on the stage. Takes Orpheus coat and sings “Didos’ Lament” accompanied by the gamba.


A. Part: die klare, kontrollierte Eurydike. Sie spricht mit Bosheit, Rache und Groll.

B. Part: Eurydike spricht in einer Art Kauderwelsch– die Improvisation erfolgt auf den Text der fünften Gedichts von Schönbergs „Pierrot Lunaire“. Es geht um die Sprach Veränderung- eine Improvisation über die Wörter und nicht unbedingt über den Text

C. Part ist ein gebrochenes Walzer- Liebe und Verstoß gegen Grenze und soziale Begrenzung – sprechstimmig.


       A. Wer, wenn ich schreie, hört mich aus der Tiefe meines Daseins? Ich bin deine dunkle Seite, die du niemals anschauen willst... Wo ist deine Stärke, Orpheus...? Wo ist dein Mut, meinen Dämon frei zu lassen, deine belanglose Grenze und Sicherheit zu zerreißen?

Aus der Tiefe des Chaos zeigt mir unsere Begegnung meine Freiheit und Kräfte. Ich zeige dir das Unbekannte deines Weltraums, weil dieses Unbekannte meine Welt ist.
Für einen Augenblick bringe ich dich Auge in Auge mit Bacchus. Für einen Augenblick ist Apollo tot, vergessen. Raison, Verständnis, Gründung Kausalität, Gesetz... alles ist umgewandelt in neuem Sinn.

     B. Heiß und jauchzend, süß und schmachtend,
Melancholisch düstrer Walzer,
Kommst mir nimmer aus den Sinnen!
Haftest mir an den Gedanken

    C. Willst du noch mal tanzen...? Komm, ... wir werden unsere Körper mit Rhythmus durchdringen. Wir werden die ganze Welt durchdringen.
Schau mich noch mal ... jedes Mal wenn du mich schaust, stirbst du, sterben wir zusammen. Unsere Grenzen lösen sich, wir sind endlich eine Gesamtheit, wir sind berauscht von Liebe, von Hasse von allen Impulsen und Kräften dieser Welt. Kurz ist unsere Zeit zusammen, und mühsam ist mein Ruf.

    A. Diese wilde Bestie - lass Sie nicht heraus - sagt die Vernunft.
Sie wird die ganze Welt fressen... Es wird ein großes Massaker, ein großes Fest aus Blut, aus Zeit und aus Raum.
Du bist wieder weg... when I am laid in grave… Du hast mich wieder getötet... Wer hört mich? Wer hört mich, wenn ich dieser Dunkelheit entrinnen will... Wer hört meinen Schrei?